Für freie Podcasts, ohne Plattformen!

tl;dr: Spotify & Co. bereichern sich mit dem Content anderer, gehen mit selbigem schlampig um und bedrohen mit ihrem Podcast Angebot die Plattformfreiheit von Podcasts.

Einfach zum Testen und weil es plötzlich so einfach ging hatte ich mal ein paar meiner Podcast Feeds bei Spotify eingereicht, einen davon auch promoted. Mal völlig abgesehen davon dass meine Downloadzahlen eher übersichtlich sind, hat sich bei dem einem Feed schon ein bisschen was getan nachdem ich ihn im Podcast und auf der Website beworben hatte.

Nach einigen Überlegungen und Anregungen von Außen, zum Beispiel Tim Pritlove auf der Subscribe 101, habe ich nun die Feeds wieder entfernen lassen. Dafür und im allgemeinen gegen Podcast Plattformen wie Spotify gibt es einige gute Gründe und die beginnen sogar schon beim Entfernen der Feeds, aber der Reihe nach.

Wir machen das mit den Fähnchen

Seit dem Start von Podcasts auf Spotify 2016 hat sich quasi gar nichts getan. Ein bisschen hier und da, aber an der Art wie Spotify mit Podcasts auf ihrer Plattform umgeht hat sich ansich nur wenig getan. Tatsächlich ist Spotify der schlechteste Podcatcher2 den es überhaupt gibt: keine Kapitelmarken, keine Benachrichtigungen über neue Folgen, schlecht oder quasi gar nicht auffindbare Shownotes3 und merkwürdiges Wording (man folgt Podcasts, statt sie zu abonnieren). Mit anderen Worten: alles wie Musik, kein Unterschied in der Bedienung. Nach drei Jahren kann man Spotify eine gewisse Egalität vorwerfen, die ich alles andere als gut finde. Das erinnert zum einem an einige Podcasts die sich ihrer hohen HörerInnenzahlen bewusst sind und dennoch nicht auf die Tonqualität achten, um nicht zusagen darauf scheißen. Zum anderen an den Werbespot der Sparkasse vor einigen Jahren: Wir machen das mit den Fähnchen!

Somit berreichert sich Spotify mit dem Schaffen anderer, als Gegenleistung gibt es potenzielle Reichweite aber (bisher) kein Geld (mit Ausnahme von „Fest & Flauschig“) da keine Werbung in Podcasts ausgespielt wird. (Stand: 26.5.2019). Aber auch andere Plattformen wie Deezer oder Radio.de fahren auf dem selben Gleis. Da habe ich momentan keinen Einblick wie es in den Apps mit Podcasts aussieht, bin mir aber sicher dass es nicht besser sein wird.

Geschlossene Plattform(en)

Selbst wenn man sich nun als fleißiger evtl. zahlender User dazu entscheidet nun auch Podcasts ausschließlich4 auf Spotify zu hören ist man ausschließlich auf die beschränkt die Spotify ~~in ihrem Katalog~~ auf seiner Plattform hat. Die Möglichkeit des manuellen Hinzufügens von Podcasts mittels RSS Feed, wie es bei jedem Podcatcher gang und gäbe ist, besteht nicht. Somit sorgt Spotify dafür dass Menschen die das Medium gerade erst für sich entdecken gar nicht die volle Vielfalt von Podcasts erahnen und ausschöpfen können.

Viele PodcasterInnen reichen ihre Podcasts nicht ein: zu Anfang auf Grund der fehlenden Möglichkeit in Form einer Website wie sie jetzt vorhanden ist, ein weiterer Grund ist die Angst vor Werbung vor, in oder nach dem Podcast und somit auch ein Eingriff und Veränderung der Audiodateien und möglichen einherrgehendem Verlust von Audioqualität. Das Thema Werbung in Podcasts ist schwierig und ein tiefes Fass.

Ein weiterer Punkt ist der Verlust über die Kontrolle der Ausspielung des Podcasts und Statistik. Das ignorieren der Existenz von Shownotes in Podcasts, die gern mal umfangreich seien können und somit ein wichtiger Bestandteil einer Episode durch Auflistung von Links auf die in der Sendung verwiesen wurde oder nachträgliche Anmerkungen zum Inhalt ist zum Beispiel auch mir ein Dorn im Auge, ganz zu schweigen von der Ignoranz der Zeit und Anstrengung die viele in ihre Shownotes stecken. Klar, nicht jede HörerIn liest sich diese immer vollständig durch oder beachtet sie, aber sie fast auszublenden als Podcatcher ist schon etwas anderes.
Statistiken für Podcasts lassen sich schwer erheben und eigentlich nur in Downloadzahlen ausdrücken. Verliere ich nun plötzlich HörerInnen weil sie meinen Podcast auf Spotify anhören oder tatsächlich aufhören meine Folgen zu hören?

Meins, deins, unsers?!

Bis vor kurzem waren die Möglichkeiten seinen Podcast bei Spotify einzureichen alles andere als Transparent. Entweder man war bekannt genug und wurde von Spotify angefragt oder „kennt jemanden, der einen kennt, der einen kennt, …“. Später flog ein Google Docs Formular durch das Internet wo man sich eintragen konnte und dann hoffen musste auserwählt zu werden. Eine weitere Möglichkeit gab es durch eine Hoster die einen Vertrag mit Spotify hatten und somit ihren Kunden eine Veröffentlichung ermöglichten. Im Oktober 2018 hat Spotify eine Website errichtet die den Spieß umdreht und das ganze vom Regen in die Taufe führt. Von „du bist entweder ein Podcast Promi oder hast Vitamin B“ zu „jeder Mensch und dessen Hund kann nun einen, sogar deinen Podcast Feed einreichen“. Im Klartext: man loggt sich mit seinem Spotify Account auf einer Website ein und kann dort den RSS Feed der Website zum Podcast einreichen. Ähnlich wie bei iTunes findet eine kurze Validierung statt ob bestimme Parameter und Metadaten passen und das wars. Keinerlei Überprüfung ob einem der Podcast gehört. Bei iTunes findet diese Überprüfung auch nicht statt, aber einen Podcast in ein offenes Verzeichnis wie iTunes es ist einzutragen ist nochmal etwas anderes als einen Podcast auf einer geschlossenen Plattform einzureichen. Was man dagegen haben könnte? Man hat sich vielleicht ausdrücklich dagegen entschieden seinen Podcast dort zu listen, aus den oben genannten Gründen: Verfremdung des Podcasts durch Werbung, Kontrollverlust oder eine generelle Abneigung gegen geschlossene Ökosysteme. Ein weiterer ist dass Leute bezahlte Podcast Feeds einreichen könnten. Des weiteren gibt es Podcasts die bewusst nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich gemacht werden. Nicht außer acht lassen sollte man die Tatsache dass durch Fremdeinreichungen jemand Einblick in die Statistik eines Podcasts bekommt, diese publik machen könnte und den Werbemarkt beeinflußen kann.

Feed löschen? Ich musste ~~ein Fax schicken~~ eine E-Mail schreiben, dort die E-Mail Adresse meines Spotify Accounts nennen, die Podcasts und deren hinterlegte Feedadresse. 2 Tage später bekam ich die Bestätigung. Ein nicht nachvollziehbarer Witz, bedankt man wie einfach man einen Feed einreichen kann. Fremdeingereichte Feeds löschen zu lassen ist eine anstrengendes Hin und Her mit dem Support. Übergabe an den echten Eigentümer sind auch nicht möglich.5 Alles andere als serös. Doch nicht nur bei Spotify gibt es Probleme, auch andere Plattformen stellen sich quer wenn es um die Entfernung von Fremdeinreichungen geht. Da werden gleich ganze Podcastverzeichnisse gescannt und ungefragt in die Plattform aufgenommen6, an einigen Stellen sogar unerlaubt, nach vorheriger Absage7.

Plattform frei und Spaß dabei…

(sagte mal jemand.8)

Das einzig gute was solche Plattformen, allen voran Spotify bisher geleistet haben: das Medium Podcast bekommt mehr Aufmerksamkeit. Doch in einem falschen Licht. Podcasts genießen von Anfang eine Plattformfreiheit: Das haben wir unter anderem dem guten alten RSS zuverdanken, aber es liegt auch daran dass Audio wesentlich einfacher im Internet bereitzustellen ist als Video. Auch bei der Produktion ist Audio wesentlich einfacher als Video. Man muss nur darauf achten dass es gut klingt, wie es um einem herum und man selbst aussieht ist völlig egal. Audio Verarbeitung geht zur Not auch noch auf Omas Laptop aus dem Bürgerkrieg.

Ein weiterer Bestandteil sind jedoch die vielen verschiedenen Podcast Apps, oft Podcatcher genannt, die den RSS Feed einer Website nehmen, das Audio abspielen können und entsprechende Metadaten darstellen. Dadurch kann jeder sein eigenes Hörverhalten entwickeln und eine Abhängigkeit entsteht nur durch das funktionieren der austauschbaren Podcast App und natürlich dem Podcast Macher selbst. Fast alle Apps grasen das iTunes Verzeichnis ab, es gibt natürlich noch andere aber wenig nennenswerte. Ein paar führen intern ihr eigenes, ein paar haben eigene Server aufgestellt und cachen die Podcasts dort. Bei so ziemlich jeder Podcast App besteht wie selbst verständlich die Option einen beliebigen RSS Feed der Audio ausspuckt hinzu zufügen.

Apple ist, was das Medium Podcasts angeht eine wichtige Komponente. Nicht nur sind sie zur Hälfte Namensgeber9, auch haben sie mit dem Start des Verzeichnis und dem Einbau in iTunes sich zu einer der wichtigsten Antriebsfedern gemacht. Durch die Validisierung beim Einreichen eines Feeds haben sie mit ihren Anforderungen auch noch einen Quasi-Standard geschaffen an dem sich alle orientieren. Meistens jedenfalls. Und wenn man nicht gerade ein Alex Jones ist, muss man keine Angst vor Zensur haben.10 Beim „Verzeichnis-sein“ hat es Apple mit iTunes, genauer gesagt „Apple Podcasts“ bisher belassen: mit der Veröffentlichung von iOS 11 haben sie angekündigt fortan in ihrer eigenen (vorinstallierten) Podcast App anonymisierte Statisitik zu erfassen und über die Website iTunes Connect für die Besitzer eingereichter Feeds bereit zustellen.

Eine weitere Antriebsfeder wurde das Smartphone und deren Apps, sicher speziell auch das iPhone in der es zunächst in der Musik.app Podcasts gab, später eine (fest) vorinstallierte Podcast App gab. Aber auch Apps von Drittanbietern in aller Couleur haben dazu beigetragen. Dabei erwähnt werden sollten auch jene die nicht nur das Hören sondern auch das Machen ermöglichen.

Aber auch fernab von Apple und seinem Ökosystem kann man Podcasts wie schon oben erwähnt auf die unterschiedlichsten Arten konsumieren, zum Beispiel auf der Website oder via Download der Datei auf dem heimischem Computer oder eben in der App seiner Wahl. Diese gibt es in allen Formen, Farben und Geschmackssorten und für alle gängigen Betriebssysteme.

Das Ende der Freiheit!?

Spotify, Deezer & Co. fangen nun an mit ihrem Fähnchen Spiel diese Freiheit die wir PodcasterInnen genießen zu zerstören. Während man mit Video gerade mal YouTube und vielleicht noch ein Vimeo zur Auswahl hat, können wir uns frei entscheiden wo wir unsere Podcasts hosten, verbreiten und gehört werden können. Geben wir diese Freiheit nun für mehr Reichweite und den Mainstream auf? Wenn man sich anschaut welcher Schwachsinn täglich auf Grund von automatischen Upload und Content Filtern statt findet11, vergeht es einem ganz schnell. Aktuell wirft Spotify Apple einen unfairen Wettbewerb vor.12 Lustig. Wie fair geht den Spotify momentan mit Podcast Content um, wie fair werden sie sich verhalten sollten sie irgendwann einmal (cthulhubewahre) ein ähnlicher Platzhirsch als Podcast Plattform sein wie es YouTube jetzt ist?
Unfair ist Spotify eigentlich jetzt schon, da sie zwar nicht direkt Werbung in, vor oder nach einer Podcast Episode ausspielen, aber natürlich an anderen Stellen Werbung in der App machen und mit ihrem Premium Angebot Geld erwirtschaften. Podcasts mit Abrufzahlen von denen viele Radiosender nicht einmal zu träumen wagen tragen zum Umsatz von Spotify bei, aber werden die Macher beteiligt? Nein, nur mit Reichweite, die ja wiederum für Spotify selbst gut ist.
Kann ich alles und jeden (Schund) bei Spotify reinkippen? Wie sieht es da eigentlich aus mit der Musik die ich evtl. unrechtmäßig in meinem Podcast benutze? Bekomme ich dann Abmahn Post weil mein Podcast, der nicht von mir auf Plattform XYZ eingereicht wurde, mit seinem Content gegen irgendwelche Lizenzen o.Ä. verstößt? Achtet Spotify auf Audioqualität oder andere fabulöse Werte?
Dann ist ja da noch diese Geschichte mit StreamOn und der Netzneutralität. Stichwort Fairness.

Free Podcasts!

Was kann man dagegen tun? Bewusst wegbleiben von Plattformen, nachschauen wo die eigenen Podcasts ungewollt aufgeführt werden, in Episoden auf die Website und die Möglichkeiten des kostenlosen Abonnieren hinweisen, auf Links, Bilder, Texte in den Shownotes verweisen (und damit hoffentlich die verwunderten HörerInnen darauf aufmerksam zumachen was für ein beschissener Podcatcher Spotify ist). Einige haben schon die Idee in den Raum geworfen seinen Feed mit nur Ausschnitten der Episode oder Teasern samt Verweis auf den richtigen Feed einzureichen.

Einfach nicht nur das mit den Fähnchen machen.

Ein einzelner Podcast besteht aus einer Serie von Medienbeiträgen (Episoden), die über einen Web-Feed (meistens RSS) automatisch bezogen werden können.
(Quelle: Wikipedia Artikel zu „Podcast“)


  1. Previously on Podcasts https://media.ccc.de/v/subscribe10-59-previously-on-podcasts#t=1891 
  2. Als Podcatcher bezeichnet man im allgemeinen Podcast Apps. 
  3. Shownotes oder auch Sendungsnotizen ergänzen meist die einzelnen Podcast Episoden um in der Sendung genannte Links, Bilder, Videos oder andere zusätzliche Informationen. 
  4. Eine duale Benutzung der Spotify App und der bisher genutzten App zum Podcast hören für einzelne exklusive Angebote kommt für viele nicht in Frage und hat auch für mich durch die fehlenden Notifikations und die damit verbundene Aufmerksamkeit nicht funktioniert und durchbricht somit das Hörverhalten. 
  5. Feedhijacking bei Spotify https://sendegate.de/t/feed-hijacking-bei-spotify/8512 
  6. Radio.de und sein Umgang mit Podcasts https://sendegate.de/t/radio-de-und-sein-umgang-mit-podcasts/2136/20 
  7. Castrex – das YouTube für Podcaster https://sendegate.de/t/castrex-das-youtube-fuer-podcaster/6448 
  8. Zitat von Ajuvo: https://twitter.com/ajuvo/status/983418641495543808 
  9. Wikipedia Artikel Absatz zur Geschichte des Podcasts https://de.wikipedia.org/wiki/Podcast#Geschichte 
  10. Apple removes Alex Jones podcasts from iTunes for hate speech: https://www.theverge.com/2018/8/6/17655168/alex-jones-infowars-apple-itunes-podcasts-removed 
  11. Content ID Filter sperrt YT-Mitschnitt des re:publica Livestream auf Grund von ZDF Content im Hintergrund: https://twitter.com/ZDF/status/1125676084144549889 
  12. Spotify vs. Apple https://www.heise.de/mac-and-i/meldung/Spotify-vs-Apple-Die-Vorwuerfe-im-Faktencheck-4335702.html 

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